Der Song von Pink ist zwar eher in die Kategorie „Heartbreak“ einzuordnen, aber ich bin sicher die meisten Bewerberinnen denken sich nach einer Absage genau so etwas: „Just give me a reason, just a little bit’s enough“. Normalerweise adressiere ich in meinen Beiträgen HR Verantwortliche, oft Recruiterinnen. Heute möchte ich einen „offenen Blogbeitrag“ auch für Bewerberinnen schreiben. HR und Führungskräfte bitte trotzdem weiterlesen, ist ja nicht so, dass euch das Thema nix angeht ;-). Recruiting könnte nämlich eigentlich ganz einfach sein.

Immer wieder lese ich mit Erstaunen, was sogenannte Karrierecoaches, Karriereberater etc. so alles von sich geben. Wie denn die Bewerberinnen den Job auf jeden Fall kriegen. Überschriften wie: „nur diese 3 Wörter im Lebenslauf verwenden und Sie haben den Job“. Am liebsten würde ich da jetzt WTF?? schreiben (ich mach es einfach mal). Oder „so bereiten Sie sich richtig (also nach meiner Methode) vor, dann kann nichts mehr schiefgehen.“ Äh wie soll das bitte funktionieren? Ist es nicht klar, dass das völlig unmöglich ist?

Recruiterinnen und Führungskräfte sind auch nur Menschen. Mit Vorlieben und Macken, ja ich sage sogar mit Vorurteilen behaftet und durch ihre eigene Geschichte und ihr Umfeld geprägt. Das bedeutet, ich als Recruiterin kann nur davon sprechen, wie ICH die Unterlagen gerne aufbereitet haben mag und wie ICH mir ein Gespräch vorstelle. Der Hiring Manager sieht das übrigens vielleicht ganz anders. Aber egal, los Bewerberin, leg dich ins Zeug und rate mal drauf los, wie und was ich gerne von dir hätte. Und das ist leider der einzige Rat, der 100 % ig stimmt.

Natürlich wundern oder ärgern wir uns sogar, wenn wir Bewerbungen bekommen, die völlig ohne Aussage sind oder skurrile Situationen mit Bewerberinnen erleben. Ja es gibt ein paar Dinge, die wir uns im CV vermutlich alle wünschen würden: so etwas wie nicht einfach nur 2012 – 2016 Firma XY hinzuschreiben, sondern vielleicht auch noch die Funktion und am besten etwas über die Tätigkeiten. Und über 33 Anhänge inklusive Volksschulzeugnis und jede einzelne Seminarbeurteilung auf der Uni brauchen wir gar nicht sprechen.

Zeit, wieder einmal aus dem Nähkästchen zu plaudern und Bewerberinnen zu vermitteln, wie es in der Recruitingrealität so abläuft: Recruiterin meldet sich ein wenig verzweifelt, es gilt no na 😉 einen Job zu besetzen. Seit 6 Monaten kommt keine brauchbare Bewerbung. Zitat: „Eigenartig, denn wir besetzen den Job nicht zum ersten Mal und bisher hat das mit einem Online Inserat immer funktioniert.“ Also gut, Briefinggespräch durchgeführt und tatsächlich, in meinem Netzwerk gibt es eine Kandidatin, die aus meiner Sicht sehr gut passt. Für uns ist ja der CV weniger entscheidend, sondern die Kompetenz, das Potential und die Persönlichkeit der Kandidatinnen. Dies wissen auch unsere Kundinnen. Ich sende also den Lebenslauf und die relevanten Infos an die Recruiterin. Nach 10 Tagen (!) erhalte ich die Rückmeldung: der CV ist uns zu „bunt“ wir suchen lieber noch weiter. Und 4 Jahre einschlägige Erfahrung im letzten Job sind leider nicht genug denn „zumindest 5 Jahre sollte man schon in einem Unternehmen gewesen sein.“ Tja der Leidensdruck ist wohl einfach noch nicht groß genug. Vorschlag für das Stelleninserat: Bitte bewerben Sie sich nur, wenn Sie bisher mindestens 5 Jahre in ihren bisherigen Funktionen tätig waren. 4 Jahre und 8 Monate? Nein, Sie nicht.

Anderes Beispiel: Führungskraft sucht Assistenz. Die ersten Kandidatinnen (natürlich nur Frauen, Männer bleiben ja sowieso nicht, die brauchen wir erst gar nicht einladen) kommen zum Gespräch. Kandidatin 1 wird abgelehnt. Begründung: die ist zu dick, die hat keine Disziplin. Kandidatin 2 wird auch abgelehnt: die ist zu dünn, die ist sicher nicht gesund. Vorschlag für das Stelleninserat: Bitte bewerben Sie sich nur, wenn Sie weiblich und ohne Kinderwunsch sind, außerdem mit einem BMI im Normalbereich.

Und hier kommt noch ein Beispiel: Hiring Manager sucht Assistentin. Frau bitte, aber nicht zu jung und nicht zu alt, schwanger werden soll sie halt bitte auch nicht in den nächsten Jahren. Die ersten Gespräche haben stattgefunden, er lehnt alle ab. Begründung: sie sollte bitte blond sein, die gefallen ihm einfach besser und am besten eine Tänzerin. Er geht mit seiner Frau nämlich so gerne tanzen und darüber möchte er sich mit seiner Assistentin auch unterhalten können. Vorschlag für das Stelleninserat: Blonde Assistentin, ca. 25 Jahre mit Interesse für Tanz gesucht.

So einfach könnte Recruiting nämlich sein!

Die Wahrheit ist allerdings, die Wahrheit über den Absagegrund werden die meisten Bewerberinnen (hoffentlich) nie erfahren. Aus arbeitsrechtlichen Gründen zum Beispiel. Der Job einer Recruiterin ist es nämlich auch, diplomatisch zu sein. „Sorry, Sie sind einfach nicht blond genug“ (dem könnte man ja noch Abhilfe schaffen) oder „müssen mehr essen“ heißt im Absagejargon nämlich: wir haben jemanden gefunden, der einfach noch eine Spur besser passt. Also eine blonde Tänzerin oder eine normalgewichtige Frau oder jemanden, der nur 1 x Job gewechselt hat bisher.

Das sind wahre Absagegründe und es sind nur ein paar Beispiele für viele mehr. Das steht eher nicht im Karriereratgeber und darauf kann man sich auch beim besten Willen nicht vorbereiten. Und solange es Führungskräfte gibt, die so denken und die Entscheidung über potentielle Mitarbeiterinnen treffen, wird sich auch nichts ändern.
I’m sorry I don’t understand where all of this is coming from. I thought that we were fine.“ Pink weiß Bescheid!

 

Herzliche Grüße
Claudia

1 Antwort
  1. whatelsen sagte:

    Grundsätzlich Danke für diesen offenen Beitrag. Ich sehe es ähnlich. Das Gleichbehandlungsgesetz nimmt uns die Möglichkeit offen die Gründe für eine eine Absage mitzuteilen (Diskriminierungen sind halt ein Thema). Dies sollte man vielleicht noch mal erwähnen. Auch das Benching (Wir melden uns … und dann wurde nie mehr etwas gehört – sowohl von Bewerberseite als auch vom Recruiting – sind Themen.

    Antworten

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